Mit dem Hausboot durch die Masuren
Die letzte Disko hat irgendwann gegen vier Feierabend gemacht. Und als da Ruhe war, kam immer noch die Eisenbahn, die am Bahnübergang hupen muss. Da Consti davon gar nichts mitbekommen hat, ist er natürlich zeitig wach und voller Tatendrang wie immer. Der Rest von uns sieht etwas unausgeschlafen aus. Kaffee und was zu essen gibt es am Campingtisch.
Zeit haben wir heute genug, denn das Boot bekommen wir nicht vor 16:00 Uhr. So bauen wir in Ruhe das Zelt ab und schauen uns anschließend die Feste Boyen an. Die Zitadelle wurde Mitte 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg benutzt. Das Museum macht allerdings einen recht planlosen Eindruck. Wir drehen kleine und große Runden durch die riesige Anlage. Danach ziehen wir wieder Richtung Innenstadt. Den Mittagsimbiss gibt es in einem recht schicken Sushi-/Asia-Restaurant. Wenn das so weitergeht, nehm ich in dem Urlaub wohl einiges zu...
Nun machen wir uns wieder auf den Weg zur Lok Marina. Vielleicht ist das Boot ja auch schon früher fertig. Aber wir müssen warten. Dann ist es so weit. Wir sollen uns schon mal alles anschauen, einräumen und uns mit dem Boot vertraut machen. So stehen wir nach dem Papierkram dann erstmal etwas ratlos rum. Schließlich nimmt sich uns dann doch jemand an und erklärt uns alles, was soviel auch nicht ist: ein paar Schalter für Licht und Kühlschrank, eine Kiste mit einem Sammelsurium aus Sicherungen und Krempel, Gasherd, Motor starten, Motor nicht über 2000RPM drehen, drauf achten, dass Segelboote Vorfahrt haben. Den Rest haben wir wohl schon auf der Internetseite gelesen:
Die „Scorpius” ist ein niederländisches Fabrikat vom Typ Doerak 650, ein Stahlrumpfboot aus den 1970ern, generalüberholt, mit neuem Innenausbau und neuem Pavillon, 6,5m lang, 2,8m breit, 27PS Diesel. Tiefgang nur 0,65m. Leicht zu steuern, soll sich sehr gut für Anfänger eignen. Innen ist alles, was man braucht, 2 Sitzbänke, die sich zu Doppelstockliegen umfunktionieren lassen, Tisch, Küche mit Spüle, Gaskocher, Wassertank, Kühlschrank sowie eine Chemietoilette. Die Besonderheit: Es gibt auch zum Bug eine Tür, die wir als Anlegemanöver-Nullen sehr bald zu schätzen bekommen werden.
Dann heißt es „Leinen los!” Das Ablegen funktioniert schon mal gut, das Rückwärtssteuern ist konstruktionsbedingt eher Glückssache, es ist halt kein Außenborder. Aber auch das klappt ohne Kontakt zu Hafenanlage oder den deutlich teureren Nachbarbooten. Die ersten Meter machen klar, Geradeauslauf ist wohl durch den geringen Tiefgang und flachen Kiel eher mau, man ist nur am Steuerrad. Wir machen extrem gut Fahrt, satte ~8km/h laut GPS. Das reicht auch schon, um alle Hände voll mit Segler-Ausweichmanövern zu tun zu haben. Nach dem ersten Schnellboot wissen wir auch, dass es äußerst ratsam ist, den Kahn in die Wellen zu drehen. Die Crew hat schnell die Lieblingsplätze eingenommen, ich bin hinter dem Steuerrad, die anderen beiden sitzen am Bug im „Ausguck”.
Unser Ziel nach etwas einer Stunde Fahrt, die Marina Evelin, erscheint mir aufgrund meines Vertrauens in meine Einpark-Skills nicht ganz geheuer. So legen wir in der Nähe an einem kleinen Campingplatz am Steg an, Bug voraus, mit Heckanker. Mit dem Anlandeergebnis sind wir für den Anfang durchaus zufrieden. Vom Camp aus laufen wir zu einem nahegelegenen Restaurant: Salat, Pommes, Pizza und ein verdientes Bier.
Die erste Nacht auf dem Wasser war im Vergleich zur letzten sehr gut. Der kleine Campingplatz ist recht spartanisch ausgestattet, gefällt uns aber gut. Nach dem Frühstück verschwinden Consti und ich im nahegelegenen Wald, um nach kurzer Zeit mit einigen Pilzen, hauptsächlich Maronen, wiederzukommen.
Nun geht es wieder los. Die Batterie hing die Nacht nicht am Strom und klingt nach dem ersten Startversuch sehr müde. Aber der Diesel meldet sich mit einer imposanten Rußwolke dann doch zum Dienst. Das Ablegen klappt super und wir setzten Kurs Süd/Südost. Vor uns liegen mehrere Seen und Kanaldurchfahrten. Es ist Wochenende und es sind jede Menge Segelboote und Motorjachten unterwegs. Ich rotiere wie ein Radarsystem und bin permanent am Motordrosseln oder hart Ausweichen. Vor der ersten Kanaleinfahrt wird es nervig. Es staut sich schon und irgendwelche Protzboote meinen, sich ständig dazwischen drängeln zu müssen. Das erinnert alles eher an eine Autobahn. Irgendwie haben wir uns das alles etwas anders vorgestellt. Im Kanal selber ist es dann durch die Begrenzung auf 6km/h und Kolonnenfahrt recht entspannt. Allerdings ernten wir eher mitleidige Blicke oder bilden uns das zumindest ein. Unser leicht rostiger Underdog-Dieseltuckerkahn sticht wohl unter den Highend-Luxus-Booten eher raus. Dabei sind die meisten Jachten auch nur Charterboote. Wir finden, Scorpius passt sehr gut zu uns. :-)
Irgendwann erreichen wir den Jezioro Tałty. Hier ist Platz und es wird entspannter. Wir steuern unser Tagesziel an, einen Campingplatz in Tałty. Unsere Bootsführer von 2009 ist aber wirklich nimmer aktuell und wir blicken nicht wirklich durch, welche Marina das nun ist. Egal. Es ist recht windig und das Anlegen nicht ohne. Die restliche Crew ist etwas besorgt, weil das Wasser mit dem seeseitgen Wind ziemlich unruhig ist. Ich versichere, dass es am Abend ruhig sein wird und hoffe nur, das wird auch so. In der kleinen Taverne holen wir uns Tomatensuppe und Pommes und laufen dann eine Runde durch das Dorf. Am Strand des eigentlich anvisierten Campingplatzes springen wir trotz kühlem Wind kurz ins Wasser. Gegen Abend wird die Bordkombüse in Betrieb genommen. Keine Haute cuisine, Nudeln mit Tomatensoße, aber mit selbst gesammelten Pilzen!
Dann ist der Wind schlagartig weg und der See glatt wie ein Babypopo. Als es dunkel wird, ist Consti noch nicht bereit, in die Koje zu gehen. So gibt es in der Taverne noch ein Eis, einen Tee und ein Bier. Wer was bekommen hat, verrate ich hier nicht. :-)
Frühstück mit frischen Brötchen an Land. Klar zum Ablegen. Der Anlasser zieht aus der Batterie und die macht auch trotz Ladegerät am Landstrom einen müden Eindruck. Zwei Nächte ohne Strom sollten wir auf keinen Fall riskieren.
Heutiger Kurs: Süd, vorbei an Mikołajki und dann in den Beldahnsee zu einem Ort namens Galindia. Den Tipp haben wir aus dem Bootsführer. Galindia ist etwas zwischen Hotelanlage bzw. Resort und Museum und ist von einem Warschauer Arzt im Stile der vormittelalterlichen Bauweise der Galinder (ein westbaltischer Stamm) nachempfunden. Wir werden von einer Hotelangestellten in mittelalterlicher Kluft am Steg empfangen, die uns beim Festmachen einweist und behilflich ist. Diesmal machen wir achtern fest, mit Buganker. Allerdings ist es so flach, dass unser Ruder bereits im Schlick steckt. Den Eintritt für das Museum bekommen wir erlassen, als wir nach dem Liegeplatz für die Nacht fragen. Zur Überraschung ist hier alles viel preiswerter als bei der letzten Übernachtung, sogar die Duschen sind inklusive. Nun ist erstmal Ortsbegehung. Es gibt eine Grotte im Hotel und auch die ganze Inneneinrichtung ist recht mittelalterlich angehaucht. Das ganze Gelände ist voll mit Schnitzereien und unzähligen Skulpturen. Consti hat Spaß auf dem Ritterspielplatz.
Am Nachmittag laufen wir zum nächsten Ort Iznota. Hier soll es einen kleinen Laden geben. Den können wir allerdings nicht finden. Das einzige was es gibt, bzw. was offen hat, ist ein Imbisswagen an einer Paddelausstiegsstelle. Hier gibt es leckere Kartoffelpuffer.
Zurück in Galindia ist es allen ziemlich heiß und so beschließen wir eine Runde zu baden. Consti hat mit dem Sandeimer gut zu tun und es wird ein entspannter Nachmittag. An der Bar versorgen wir uns zwischenzeitlich mit Latte Macchiato, Cappuccino, Apfelkuchen und Eis.
Bleibt noch die Frage nach dem Abendessen. Selberkochen fällt aus, dazu fehlen Zutaten. Das Restaurant hat keine freien Außenplätze und so schauen wir nochmal in die Karte der Bar. Die Waldpilzsuppe ist sehr lecker! Da wir heute keinen Strom haben und die Betterie schonen wollen, lassen wir das Licht auf dem Boot aus und gehen zeitig schlafen.
Am Morgen regnet es leicht und so gibt es Frühstück in der Kajüte. Dann warten wir, bis sich der Regen verzogen hat und checken aus, aber nicht ohne nochmal einen Rundgang durch die Grotte zu machen. Es läuft dort ein Video über die ab und an stattfindenden Feste und Rituale in Galindia. Das ganze Bohei um den Anführer hat irgendwie etwas Sektenartiges.
Das Ablegen wird zum chaotischen Manöver. Erst startet der Diesel wieder mit viel Ruß, dann stecken wir im Schlick und als wir loskommen, bekommen wir den Anker nicht gelichtet. So überfahren wir erstmal einige Ankerleinen und sind froh, dass die anderen Skipper uns mit Stangen von ihren Seglern fernhalten. Auch wenn sich die anderen jetzt vielleicht über unser Geeiere amüsieren, es gibt immerhin keine Schäden und auch keine Verletzten. ;-)
Wieder im freien Wasser nehmen wir Kurs aus Mikołajki (Nikolaiken). Da wir Zeit haben machen wir keine volle Fahrt und tuckern gemütlich über die Seen. Im Stadthafen angekommen, drehen wir erst einmal eine Runde, weil Einparken und Manövrieren in engen Marinas noch immer nicht unsere Königsdisziplin ist. Ein Boot am Rand legt gerade ab und so sind gleich drei Positionen am Pier frei. Wir nutzen die Chance, den Anfängerparkplatz in Beschlag zu nehmen. Wir verpassen zwar leicht den anvisierten Liegeplatz, aber der daneben tut es auch. Nachdem alles vertäut und mit dem Hafenmeister geregelt ist, organisieren wir uns im Ort ein Mittagessen. Danach ist Waschtag und die Wäsche wird an Deck unter dem Pavillon kreuz und quer aufgehängt.
Mikołajki wird auch „Venedig der Masuren” genannt. Wir rätseln noch wie der Vergleich zustande kommt, aber wahrscheinlich daher, dass der Ort von fast allen Seiten von Wasser umgeben ist und man nur über Brücken zu erreichen ist. Wir sitzen eine Weile am Spielplatz neben dem „Stinthengst”, dem Fischkönig (ein Fisch mit Krone aus einer Legende). Mit ein paar Einkäufen gibt es am Abend Essen an Bord. Anschließend wollen wir nochmal schauen, ob wir vielleicht ein Getränk oder eine der leckeren Waffeln zum Nachtisch bekommen. Aber die Restaurants haben alle die gefühlt gleiche Speisekarte. Wir finden schließlich noch eine offene Waffelbude und sitzen dort zum Glück recht windgeschützt. Es ist nämlich mittlerweile ziemlich kalt und windig. Dann fällt Consti einfach nur noch ins Bett.
Nach dem Frühstück an Bord werfen wir unsere Pläne über den Haufen. Eigentlich sollte es heute nach Norden in Richtung Ryn gehen. Wir beschließen aber weiter nach Süden zu tuckern. Es geht über den riesigen Spirdingsee sowie Sexter See zum längsten und angeblich schönsten Kanal der Masuren zum Roschsee nach Pisz (Johannesburg). Das Highlight der Etappe: Wir müssen im Kanal eine Schleuse passieren.
Wir legen in Mikołajki ab und kommen ganz gut voran, obwohl es auf dem Spirdingsee ganz schön windig ist. Am Kanał Jegliński angekommen, haben wir Gegenverkehr. Das heißt, die Schleuse ist leer und wir können direkt einfahren. Die Schleuse in Karwik ist eigentlich motorbetrieben, aber heute wird per Hand gekurbelt. Das Schleusenentgelt wird mit einem Plastikbecher an einer langen Stange eingesammelt. Nun geht es durch den 5¼km langen und landschaftlich sehr schönen Kanal weiter in Richtung Süden.
Jetzt müssen wir nur noch quer über den Roschsee, wo es mehrere Marinas gibt. Wir versuchen es zuerst am Hotel Ros. Obwohl das Anlegen diesmal recht gut gelingt, legen wir gleich wieder ab. Die Liegegebühr ist uns hier mit 100zł zu happig. So parken wir in der nächsten Mariana ein, an einem Campingplatz. Auch schick - und noch teurer, wie wir am Telefon lernen. Jetzt nochmal umparken ist uns zu albern und so nehmen wir den Luxus halt mit. Als wir den Wasserkocher in der Kombüse einschalten, dauert es nur ein paar Sekunden und es knallt und spratzelt ein paar mal. Es riecht ziemlich nach Strom. Unsere lange zweiadrige Anschlussleitung zum Landstrom hat an der bootsseitigen Kupplung einen satten Kurzschluss fabriziert. „Dem Inschenör ist nichts zu schwör” und so repariere ich das Ganze notdürftig. Allerdings stell ich bald fest, dass wir wohl die Hauptsicherung geschossen haben, der komplette Pier ist stromlos. Was soll’s, dann nehmen wir halt den Gaskocher. :-)
Jetzt geht es los, wir wollen den Ort Pisz erkunden. Mittlerweile ist auch der Bosman eingetrudelt. Wir bezahlen und bemerken beiläufig und ganz unschuldig, dass am Pier kein Strom da zu sein scheint...
In Pisz entdeckt Consti erstmal einen Spielplatz mit riesigem Piratenboot. Wir wollen eigentlich weiter und können ihn nur mit einem Eis weglocken. Das und leckere Kaffeegetränke gibt es dann in einem Restaurant. Die Erkundung des Ortes ist schnell erledigt. Außer dem Marktplatz und einer schönen Fachwerkkirche gibt es nicht viel zu entdecken. Nach einem Einkauf geht es zurück zur Scorpius. Es gibt am Abend Salat, Brot und einen herrlichen Sonnenuntergang.
Frühstück auf dem Campingplatz und dann geht es schon bald los. Da es gestern ganz gut lief, wurde der Plan heute schon wieder gekippt und wir schauen mal, ob wir es heute bis nach Ryn (Rhein) schaffen. Auf dem Roschsee gerate ich erstmal in einen Teppich aus Wasserpflanzen. Wir kommen zwar wieder raus, aber ich habe Bedenken, dass sich das Pflanzengeschlinge um die Schraube gewickelt hat. Und irgendwas stimmt auch nicht. Für die 6km/h im Kanal braucht der Motor heute über 1800 Umdrehungen. Das lief gestern deutlich lockerer bei 1500RPM. Viel machen kann ich nicht und wir machen ja noch Fahrt. Die Schleuse in Karwik hat heute wieder Strom für die Tormotoren und der Schleuser weniger zu tun. Um uns herum schwimmt dann einiges an Pflanzenmaterial. Ab hier machen wir auch wieder volle Fahrt. Vermutlich hatten wir einen Pfropf Schlingpflanzen vorm Ruderblatt, was uns merklich ausgebremst hat.
Wir kommen trotz Gegenwind gut voran, auch wenn sich der Spirdingsee ganz schön zieht. Dann wird der Verkehr dichter, große Ausflugsboote aus Mikołajki sowie jede Menge kreuzende Segler aus allen Richtungen. Mikołajki lassen wir links liegen. Also eigentlich rechts. Also eigentlich steuerbord. Obwohl, bei der Scorpius ist das Steuer auf der linken Seite. Ach egal. In Tałty halten wir nochmal Ausschau nach der in unserem Buch beschriebenen Windmühle. Die hatten wir letztens nämlich nicht entdeckt. Aber auch vom Wasser aus sehen wir nichts.
Es geht weiter nach Norden und als wir an der Einfahrt Kanał Tałteński vorbei sind, befahren wir wieder weiße Flecken auf der persönlichen Landkarte. Hinter uns sind viele dunkle, graue Wolken, im Norden ist blauer Himmel. Die Richtung stimmt also. Dann geht es um eine große Biegung und wir sind auf der Zielgeraden nach Ryn. Mit unserem bescheidenen Tiefgang kann ich alle Fahrrinnenmarkierungen ignorieren und direkten Kurs nehmen. Consti ist übrigens die ganze Zeit auf dem Boot super entspannt, dank Lego und Vorlesebuch.
Wir entdecken in der Ecomarina einen freien Liegeplatz, den wir direkt anfahren können. Bei den ganzen teuer aussehenden Nachbarbooten legen wir auch lieber wieder vorwärts an. Wir haben uns nach acht Stunden Fahrt nun Eis sowie Waffeln und Cappuccino verdient. Danach erobern wir den Ort. Die alte Burg in Ryn ist ein gediegenes Luxushotel, aber laut Reiseführer ist der Rittersaal auch für Nicht-Gäste zu besichtigen. Das stellt sich wieder einmal als überholte Information heraus. Durch die Tür können wir dennoch einen Blick ins Innere werfen.
Am Abend entern wir eine Pizzeria. Aber nur Consti isst eine Kinderpizza. Der Rest entscheidet sich für die Wegetarski Burger. Lecker! Dann reicht es für heute auf jeden Fall auch und wir verschwinden in den Betten.
Am Morgen gibt es frische Brötchen aus dem Supermarkt. Wir beschließen einen weiteren Landgang, denn so richtig viel Bewegung werden wir auch heute nicht bekommen. Dann ist alles klar zum Ablegen. Die Batterie ist fit wie nie und auch sonst schnurrt die Scorpius wieder - satte 9,3km/h bei 2000 Motorumdrehungen. Es ist sehr wenig los auf dem See und alles sehr entspannt. Jezioro Ryńskie, Jezioro Tałty und auch im Talter Kanal ist im Vergleich zu letzten Sonntag heute nichts los. Auch die Anzahl der „Blödboote”, wie Consti die wellenmachenden Angeberboote getauft hat, ist sehr überschaubar. Für alle Fälle sitzt er mit seiner neuen Piratenflagge am Bug und macht allen anderen warnend klar, dass wir jetzt kommen!
Nach 4 Stunden Fahrt sind wir schließlich am Jezioro Boczne. Wir hätten eigentlich kein Problem, nochmal am ersten Campingplatz anzulegen. Aber der Wetterbericht sagt Dauerregen für den Abend voraus und dann dort durch den Matsch stiefeln, wollen wir auch nicht. So versuchen wir es nochmal mit der Marina Evelin, die wir ja schon am Tag 1 im Auge hatten. Das Anlegen klappt einwandfrei. Langsam bekomme ich den Bogen auch raus.
Die Marina Evelin heißt mittlerweile Port Bogaczewo - Przystań na Dłużej, was uns aber auch nicht weiter stört. Im nächsten Restaurant streiten wir uns mit etlichen Wespen um das Kuchenangebot, gewinnen aber locker.
Am Abend gibt es Salat und Brot an Bord und da mittlerweile der versprochene Regen einsetzt, verziehen wir uns schnell in die Schlafsäcke in den Kojen.
Wir stehen zeitig auf, denn die Bootsrückgabe ist um 10:00 Uhr, wir haben noch eine gute Stunde Fahrt bis Giżycko und wir müssen noch tanken. Die Tanknadel hat sich übrigens vorgestern das erste Mal einen Millimeter bewegt. Ich hatte schon die Befürchtung, das Teil ist tot und wir bleiben mit leerem Tank mal irgendwo mitten auf dem See stehen. Aber scheinbar ist unser Scorpius wirklich sehr genügsam.
Bis Giżycko verläuft alles reibungslos. An der Wassertankstelle sind zwei Boote vor uns und wir versuchen „anzustehen”, also das Boot irgendwie halbwegs auf einer Stelle zu halten. An der Tankstelle bekommen wir gesagt, dass der Diesel alle ist. Ich rufe erstmal Tomek, unseren Vermieter, an und frage, ob wir zur nächsten Tankstelle fahren sollen. Dann würde es mit 10 Uhr knapp werden. Er meint, wenn es hier nix gibt, werden die dort auch keinen Diesel haben und wir sollen einfach reinkommen. Der Spritverbrauch wird dann halt geschätzt.
Die Rückgabe ist völlig unkompliziert. Ich denke, bei den Edelbooten sähe das schon anders aus. Beim Diesel kommen wir sehr gut weg. Nun heißt es Abschied nehmen von Scorpius. Der alte leicht angerostete Tuckerkahn ist uns in der Woche schon etwas ans Herz gewachsen. Constantin meint: „Ich werd Scorpius vermissen...”
Eigentlich ist die folgende Übernachtung auf dem Campingplatz schon bezahlt. Allerdings haben wir keine Lust, noch eine Nacht hier zu verbringen und gleich gar nicht am Wochenende. So fahren wir kurzerhand nach Sorkwity zu einem Camp, wo meine Freundin vor Jahren schon mal war. In Sorkwity buchen wir uns in eine kleine Hütte ein, gehen im Ort einen Mittagssnack essen und leihen uns am Campingplatz ein Kanu aus. Nun paddeln wir bei herrlichem Wetter und absoluter Ruhe auf dem Jezioro Lampackie herum. Das ist jetzt absolute Entschleunigung. So lustig und schön wie es auf der Scorpius war, die nächste Tour in den Masuren hat was mit Kanuwandern zu tun! Selbst Consti liegt ohne Langeweile tiefenentspannt auf dem Boot und ist offenbar mit sich und der Welt sehr zufrieden.
Nach etwa 3 Stunden sind wir zurück und es gibt Kaffee und Kuchen. Die Wirtschaft ist gut besucht und der Fisch auf den Tellern sieht sehr gut aus. Also wird vom Vegetarier- in den Urlaubsmodus geschaltet, schließlich sind wir in den Masuren und da muss einfach mal ein Fisch auf den Teller. Aber später, jetzt hat noch niemand Hunger. Allerdings hat das Restaurant im Camp etwas seltsame Öffnungszeiten und als wir dann gegen 18:30 Uhr essen wollen, ist die Küche schon seit einer Stunde geschlossen.
Nun ist der Plan mit dem Fisch einmal beschlossen, nun muss das auch werden! Wir fahren in das nächste Lokal im Nachbarort Jędrychowo. Der Gutshof „Hotel im Park” sieht recht edel aus, die Karte im Restaurant ist übersichtlich, fleischlastig, aber erlesen. Der Barsch auf Bulgur mit Pilzen und Tomaten ist ein Traum. Consti bekommt aus Ermangelung einer Kinderkarte eine Vorspeise, Piroggen mit Krebsfleischfüllung. Die Soße ist genial. Obwohl es recht pfeffrig ist, spachtelt Sohnemann.
Der Plan, einer lauten Partynacht zu entfliehen, gelingt nicht ganz, denn heut ist auch hier Remmidemmi. Aber wenigstens die Musik ist etwas besser als in Giżycko und es geht auch nicht bis vier in der Nacht.


