Tagebuch
Der Wecker klingelt halb sechs in der Nacht. Die letzten Sachen werden in die Taschen gepackt und dann macht sich unsere Reisegruppe, bestehend aus Freundin und mir, sowie den drei jüngeren Kindern, auf den Weg nach Berlin. Wir haben großzügig Zeit eingeplant, aber die brauchen wir im Berufsverkehr auf dem Stadtring in Berlin auch auf jeden Fall. Der Plan, einen Parkplatz am Saatwinkler Damm zu finden, klappt nicht. So versuchen wir es irgendwo im Wohngebiet nahe des Jakob-Kaiser-Damms. Bepackt mit Kindersitz und dem restlichen Gepäck nehmen wir den 109er Bus für das letzte Stück zum Tegeler Flughafen.
Für ein zweites Frühstück am Bäckerstand ist gerade noch Zeit, bevor wir uns in Richtung Gate bewegen müssen. Unser LowBudget-Fluggerät startet vollbesetzt und pünktlich in Richtung Süden. Zum Glück schläft Consti zwei volle Stunden, denn zum Rumturnen ist es zu eng. Nach insgesamt vier Stunden Flug landen wir in Agadir. Über die Uhrzeit herrscht totale Uneinigkeit. Der Pilot erzählt etwas von einer Stunde Zeitverschiebung, korrigiert sich dann aber, es ist die gleiche Zeit wie zu Hause. Die Telefone sind ebenfalls geteilter Meinung. Die Uhren auf dem Flughafen sagen gleiche Zeit wie zu Hause. Na die werden schon wissen...
Den Mietwagen klar zu machen, dauert ewig, obwohl nur zwei Leute vor mir am Schalter stehen. Da ist woanders ein Auto schneller gekauft, als hier gemietet. Draußen wartet ein Citroën C4 Cactus - gewöhnungsbedürftig aber gut ausgestattet. Einzig das Navi, auf das extra hingewiesen wird, ist ein Lacher. Es hat eine installierte Karte von Frankreich. Für Marokko hilft das richtig viel.
Aber auch G**gle Offline Maps lässt uns im Stich. Die Karte ist da, aber aus irgendwelchen Gründen ist die Navigation in Marokko deaktiviert. Unser Hotel in Agadir finden wir trotzdem. Die Residence Igoudar ist zweckmäßig, aber nicht wirklich gemütlich. Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, geht es raus in die letzte Abendsonne ins nächstbeste Restaurant. Ein Blick auf die Karte zeigt, auch der Vegetarier sollte hier besser Urlaub machen und mal wieder Tiere auf den Teller lassen. Das Hühnchen-Tajine ist jedenfalls schon mal lecker. Im Dunklen ziehen wir noch eine Runde zum Strand und über die Promenade zurück zum Hotel. Es sind noch immer um die 20°C. :-)
Als uns Constantin um sieben weckt, ist es draußen noch zappenduster. Wir lassen uns Zeit, sind aber dennoch sehr zeitig auf der Suche nach einem Frühstück. Aber auch das ist nicht weit, denn ein Restaurant reiht sich ans nächste. Es gibt Baguette, Butter, Honig, Minztee, Kaffee und leckeren, frischgepressten Orangensaft.
Nun geht es bei Tageslicht nochmal zum Strand. So richtig punkten kann Agadir aber auch im Hellen bei uns nicht, zu viel Beton, zu touristisch.
So brechen wir auf in Richtung Tiznit, anderthalb Stunden nach Süden. Unsere gebuchte Unterkunft finden wir auf Anhieb, und das hätte auch ohne den selbsternannten Touristenguide geklappt, der uns vom Auto an begleitet und uns unbedingt seinen Silberschmuckladen zeigen möchte. Das Hotel liegt mitten in der Stadt mit engen Gassen und jeder Menge Läden. Nachdem wir unseren neuen Freund abschütteln konnten, folgen wir einem Schild in eine verwinkelte Gasse und finden ein sehr schönes Restaurant mit mindestens genauso guter Speisekarte.
Da uns die Medina von Tiznit nicht wegläuft, machen wir einen Ausflug in die Umgebung, genauer an die Atlantikküste bei Legzira, wo es einen schönen Felsbogen gibt. Auf der Fahrt schläft Constantin dann auch wie geplant ein. Im kleinen Küstenort Legzira angekommen, schlendern wir bei sehr angenehmen Temperaturen barfuß den Strand entlang. Bis zum Felsbogen schaffen wir es allerdings doch nicht, weil eine Biene meint, die Freundin in den Fuß stechen zu müssen. Die Motivation weiter zu laufen ist erstmal pfutsch. So bleiben wir einfach nur am Strand sitzen und genießen die Sonne. Die jüngeren Kids haben mit all den Steinen und dem Sand genügend zu tun. :-) Als die Sonne schon recht tief steht, machen wir uns auf den Rückweg nach Tiznit. Nach dem opulenten Mittagessen brauchen wir nur noch eine Kleinigkeit, die wir in einem der Straßenrestaurants finden.
Am Morgen ist nun die Erkundung von Tiznit dran, denn gestern hatten wir das liegenlassen. Wir ziehen zu Fuß in die Medina auf der Suche nach einem Frühstück. Wir sind allerdings viel zu zeitig, es hat so gut wie alles noch geschlossen. In einem kleinen Bäckerladen kaufen wir jede Menge Backwerk für umgerechnet wirklich kein Geld. Mit einem frischen Minztee aus der nächsten Teestube frühstücken wir an der Source Bleue, der Brunnenanlage. Nach einem Rundgang durch die Altstadt landen wir auf einem Gemüsemarkt vor den Toren der Stadt.
Dann schlendern wir in Richtung Auto und verlassen Tiznit in Richtung Tafraoute, einer kleinen Stadt im Anti-Atlas-Gebirge. Die Landschaft auf dem Weg dahin ist schon beeindruckend, Tafraoute in mitten von Granitfelsen noch mehr. Nachdem das Hotel bezogen ist, suchen wir uns im Ort ein Restaurant um Mittag zu essen.
Anschließend spazieren wir durch die Markthalle und die kleinen Gassen mit gefühlt 300 Schuhmanufakturen. Einige von uns bekommen auch beide sehr schöne neue Treter. Den Rest des Nachmittags vergammeln wir teilweise in der Sonne am Spielplatz oder laufen kreuz und quer durch den kleinen Ort. Obwohl wir in etwa 1000 Höhenmetern unterwegs sind, hat es immer noch über 20°C.
So richtig Hunger hat zwar keiner, aber in einem kleinen Straßenrestaurant finden wir dann doch etwas für den kleinen Appetit.
Das Frühstück im Hotel ist ganz passabel mit Ei, Kaffee, Mandelmus und Honig. Gestärkt geht es nun in Richtung Norden. Nach ein paar Kilometern machen wir einen Abstecher in das Tal der Ammeln. Das Tal zählt zu den sehenswerten Ecken und wir können das durchaus bestätigen. An den erst flach ansteigenden und dann steilen Bergflanken reihen sich kleine Dörfer. Wir versuchen in eine dieser Ortschaften zu kommen, was gar nicht so einfach ist. Man landet mit den kleinen Stichstraßen immer wo anders. Wir steigen dennoch aus und erkunden die Gegend zu Fuß, sehr zum Widerwillen der Mädels. Die Orte sind mit Sicherheit uralt. Die alte Bausubstanz wird stehen gelassen und ein Neubau wird immer wieder angesetzt.
Wir versuchen nochmal die Zufahrt zu einem der Orte zu finden, die etwas weiter oben liegen. Die Mädels steigen gar nicht erst aus, während der Rest von uns eine Runde durch die kleinen, engen und völlig chaotisch angelegten Gassen zieht.
Dann geht es weiter über einen Pass an der östlichen Seite des Anti-Atlas und weiter nach Norden mit genialen Aussichten und durch viele Kurven. Constantin schläft und so halten wir an der imposanten Kasbah Tizourgane nur für einen Fotostopp mit laufendem Motor. Der Plan ist in der nächsten Ortschaft ein Mittagessen aufzutreiben. So landen wir in Aït Baha. Ein Restaurant ist schnell gefunden, mit der Speisenauswahl wird das schon schwieriger. Weder das Französisch des Kellners, noch die arabische Speisekarte bringen uns weiter. So werden wir einfach in die Küche geführt und der Koch lässt uns in alle Töpfe schauen. Ein paar Minuten später steht eine leckere Auswahl auf dem Tisch und wir lassen es uns schmecken.
Anschließend geht es weiter in die Tiefebene von Taroudannt (über die Schreibweise ist man sich recht uneins, ob Taroudannt oder Taroudant). Zwischendurch geht uns etwas der Asphalt aus und wir fahren einige Kilometer über eine ziemlich staubige Schotterpiste. Dank Navi finden wir unser Riad in der Medina in Taroudannt problemlos und haben sogar einen Parkplatz direkt vor der Tür. Einmal in einem schicken Riad übernachten war ein Punkt auf unserem Plan und hier haben wir einen Volltreffer. Das Hotel ist sehr schick mit dem für ein Riad typischen Innenhof und sogar einem Pool.
Nachdem wir die Zimmer bezogen haben, geht es auf Entdeckungstour durch die Altstadt mit Café-Stopp, Stadtmauerbesichtigung und Einkaufstour im ein oder anderen Laden. Taroudannt ist eine recht beeindruckende Stadt mit ihren vielen Gassen und Souks und wirkt absolut nicht touristisch. Zum Abendessen setzen wir uns in ein Restaurant am Rand des Marktplatzes und schauen dem wuseligen Treiben zu.
Absolut gediegenes Frühstück auf der Dachterrasse des ohnehin schon schicken Riads, so lässt man den Tag gerne beginnen. Danach gibt es noch eine kleine Runde durch die Innenstadt, wo es am Morgen viel ruhiger und gelassener zugeht als am Vorabend. Dann machen wir uns aber doch auf den Weg in Richtung Marrakesch. Wir haben einige Kilometer vor uns, denn wir wollen uns das endlose Gekurve durch das Atlasgebirge sparen, indem wir auf der Autobahn außen herum fahren.
Unterwegs beschließen wir die nächste Abfahrt zu nehmen, um irgendwo ein Mittagessen aufzutreiben. Einfacher gesagt als getan. Erstens kommen keine Autobahnausfahrten und zweitens zieht es sich bei der schließlich doch gefunden Abfahrt bis endlich ein Ort auftaucht. So fahren wir etliche Kilometer bis wir irgendwann in Imintanoute bzw. einem Vorort davon landen. Dafür ist das Essen lecker: Lamm-Tajine.
Der restliche Weg ist zäh, nicht zuletzt wegen des einsetzenden Food-Coma durch die riesige Portion Mittagessen. In der Abfahrt werden wir von der Polizei herausgewunken. Nachdem klar ist, dass die Kommunikation beiderseits schwierig ist, muss ich mitkommen und mir ein daumennagelgroßes Display auf der Laserpistole anschauen. Man erahnt das Mietwagenkennzeichen und kann 71km/h lesen. Ich hab kein einziges Schild gesehen und keine Idee, welche bzw. ob es überhaupt eine Geschwindigkeitsbegrenzung gab. Da Diskutieren hoffnungslos ist und der Streitbetrag von umgerechnet 15€ nicht das Ende der Welt bedeutet, zahl ich halt, wofür auch immer.
Unsere Ferienwohnung etwas außerhalb von Marrakesch ist schnell gefunden. Der Vermieter ist wieder super freundlich und das Domizil sehr schick. Wir bleiben nicht lange, denn wir wollen das Tageslicht für eine erste Erkundung durch die Innenstadt nutzen. Wir kommen mit dem Bus völlig unkompliziert zum Ziel. In den Gassen der Altstadt fühlen wir uns allerdings überhaupt nicht wohl. Es ist eng, laut und die unzähligen Motorräder und Mopeds verpesten die Luft mit widerlich stinkenden Abgasen. Obwohl ich ja nun schon einiges erlebt hab, wie zum Beispiel Mumbai oder Delhi - das hier ist auf Anhieb komplett unangenehm und man möchte einfach nur Wegrennen. Aber vielleicht ist man mit Junior jetzt einfach mehr im Beschützermodus. Am Hauptplatz Djemaa el-Fna sieht es schon besser aus, auch wenn hier immer noch jede Menge Trubel ist. Die Teenies lassen sich ein Henna-Tattoo machen und wir schlürfen frisch gepressten Orangensaft.
Wieder außerhalb der Stadtmauern suchen wir uns etwas zu essen, müssen aber eine ganze Weile laufen, bis wir fündig werden. Es ist lecker, preiswert und der Kellner überschlägt sich fast vor Freundlichkeit. Mit dem Bus zurückzukommen klappt überhaupt nicht und so lassen wir uns auf eine Taxifahrt ein. Wir sind mit Fahrer sechs Leute in einem Auto für vier.
Natürlich geben wir Marrakesch eine zweite Chance. Zunächst werden wir aber wieder mit einem sehr üppigen Frühstück in der Ferienwohnung verwöhnt. Es fehlt an nichts. Gegen elf ziehen wir in Richtung Altstadt. Wir fahren wieder mit dem Bus, diesmal bis zur Koutoubia-Moschee.
Der Platz Djemaa el-Fna sieht nun komplett anders aus. Wo sich gestern eher die Einheimischen getroffen haben, sind nun jede Menge fliegende Händler unterwegs. Die meisten ignorieren wir, was spätestens nicht mehr gelingt, als die Kinder ungefragt einen Affen auf der Schulter sitzen haben. Zwei Fotos später will der Typ Geld, womit zu rechnen war. Er fordert aber dermaßen unverschämt viel, dass es kurz lauter wird und ich ihn stehen lasse.
Wir tauchen wieder in das Gewirr der engen Gassen ein und heute sieht das alles schon viel entspannter aus. Unser Ziel ist das Palais de la Bahia. Nach dem ganzen Trubel draußen, taucht man drin sofort in eine andere Welt. Ein Platz der Ruhe mit reichverzierten und vor allem kühlen Räumen sowie großzügig angelegten Innenhöfen. Vor dem Palais essen wir eine Kleinigkeit in einem Restaurant, was im Vergleich zu gestern Abend sehr schlecht wegkommt, der Touristenmeile hier geschuldet. Weiter geht es, hinein in die engen Gassen mit 1001 Läden, die alles verkaufen. Wir wollen zur Medersa Ben Youssef, einer alten Koranschule, die aber leider wegen Renovierung geschlossen ist. So geht es in das Marrakech Museum nebenan, was sich auch lohnt.
In einem kleinen Restaurant machen wir nochmal Pause und genießen, Kaffee, Tee, Crêpes und Menschenkino. Ich versuche mich im Feilschen mit einem Berber. Stolz wie Bolle hab ich am Ende den Preis für ein paar Hosen runtergehandelt, der Verkäufer freut sich aber wahrscheinlich heute noch über das gute Geschäft.
Es ist nicht ganz so spät wie gestern Abend und so klappt es heute auch prima mit dem Bus wieder zurück zur Ferienwohnung zu kommen. So richtig Hunger hat keiner mehr und wir holen uns nur noch ein paar Knabbereien und Getränke im Laden an der Ecke. Wir schaffen es zwei Runden Karten zu spielen.
Nach dem wieder sehr opulenten Frühstück bedanken wir uns bei unserem Gastgeber und verlassen dann Marrakesch nach Westen in Richtung Essaouira. Es geht zwei Stunden mehr oder weniger geradeaus Richtung Küste. Unterwegs stehen am Straßenrand auf einmal mehrere Autos und Kleinbusse. Wir entdecken den Grund: Auf einem Baum hat es sich eine Herde Ziegen bequem gemacht. Dieses Postkartenmotiv lassen wir uns natürlich nicht entgehen und so wenden wir. Natürlich wird hier auch schon wieder Geld verdient, der Ziegenhirt knipst zwei schiefe Fotos von uns und möchte dafür dann umgerechnet 15€ sehen. Ist klar. Mit einem Lachen drücken wir ihm ein paar einzelne Dirham in die Hand, was wohl auch völlig in Ordnung geht. Der Versuch war es wert.
In Essaouira angekommen parken wir das Auto an der Stadtmauer und suchen unser Riad im Gewimmel der engen Gassen. Mit ein paar Umwegen finden wir dann auch den richtigen Gang zwischen den Häusern hindurch. Das Riad hat zwar den typischen Lichthof, allerdings ist dieser nur einen guten Meter breit. Als Ventilation taugt es trotzdem.
Im Vergleich zu Marrakesch ist es in der Medina herrlich ruhig. Das liegt vor allem daran, dass in Essaouira keinerlei Motorfahrzeuge fahren dürfen. Wir suchen uns in einem Hof mit etlichen kleinen Restaurants eines aus und essen sehr lecker Mittag. Dann erkunden wir die Medina. Das Licht ist bemerkenswert, denn über dem Meer liegt ein dicker Nebelschleier und die Sonne kommt nicht so recht durch.
Wir ziehen weiter zum Strand, wo die Kinder und vor allem Constantin im Sand jede Menge zu tun haben. Es ist Februar und wir liegen bei sehr angenehmen Temperaturen am Meer. Herrlich!
Am Abend versuchen wir außerhalb der Altstadtmauern etwas zu essen zu finden, was im zweiten Anlauf auch gelingt. Es ist preiswert und auf seine Weise vielleicht nicht ur-marokkanisch, aber dafür recht untouristisch. Wir schlendern noch um ein paar Ecken und durch enge Gassen und erkunden das abendliche Essaouira.
Am Morgen gibt es ein ganz ansehnliches Frühstück in der winzigen Lobby unseres Riads. Dann packen wir die Sachen ins Auto und ziehen in Richtung Süden nach Agadir bzw. Al Massira. Weit kommen wir nicht, denn kurz hinter Essaouira entdecken wir den Strand mit den Kameltouren. Die Mädels waren schon in Agadir etwas enttäuscht, als wir dort die überteuerte Tour von vorn herein ablehnten. Hier wenden wir kurzerhand und schauen mal. Die beiden sind so in ihre Telefone vertieft, sie bekommen die zwei 180°-Wendungen im Kreisverkehr gar nicht mit und schauen ziemlich ungläubig, als ich vor den Kamelen den Motor ausmache. Der Ausritt dauert eine halbe Stunde und wird das Highlight des Urlaubs für die zwei. Consti darf die letzten Meter auch mit hoch auf das riesige Dromedar.
Nun brechen wir wirklich auf in Richtung Flughafen. Unterwegs halten wir für eine Mittagspause irgendwo vor Agadir in einem zumindest in der Nebensaison verschlafenen Surfer-Ort namens Taghazout. Nach dem Essen wird es nun langsam Zeit, denn vor uns liegen noch ein paar Kilometer, wir müssen das Auto noch ab- und etwas Gepäck aufgeben. Der Verkehr an Agadir vorbei ist etwas zäher, was uns Minuten kostet. Eine Tankstelle die auch Kreditkarten nimmt, finden wir erst im zweiten Anlauf. Endlich am Flughafen angekommen, verkündet der gelangweilte Typ von der Mietwagenstation, das Auto sei zu staubig, das nehme er so nicht an. Er lässt sich auch auf keine Diskussion ein, wir sollen das Auto nochmal in der kleinen Flughafenwaschanlage vorstellen. Was soll’s... Das nasse Auto bekommen wir schließlich los.
63 Minuten vor Abflug stehen wir recht verdutzt vor einer leeren Schalterhalle und es macht sich ein ungutes Gefühl breit, dass die Airline das mit dem Schließen des Counters 60 Minuten vor dem Start wohl doch ernst meint, auch wenn in Berlin die üblichen 30 galten. Die Tante am Infoschalter kann mir natürlich absolut nicht helfen und ist sichtlich froh als ich wieder abziehe. Am kleinen Büro, welches unsere Airline als Vertretung der Vertretung mitbetreut, sagt man mir der Check-In sei abgeschlossen, die Systeme sind dicht und der nächste Flieger geht dann am Samstag. Die gute Dame hat aber Mitleid und klemmt sich ans Telefon. Zehn Minuten später kann sie uns anbieten, dass meine Freundin und die Kinder mit ihrem Handgepäck noch in den Flieger könnten und nur ich mit dem Aufgabegepäck und dem Kindersitz keine Chance mehr hätte. Blöderweise ist Constantin als Kleinkind aber auf mein Ticket gebucht. So bringt das herzlich wenig und wir haben offiziell unseren Flug verpasst, obwohl die Maschine keine 100m von hier noch 40 Minuten rumsteht!
Wir bleiben gelassen, denn alles andere bringt einfach nix. Wir checken kurz die Online-Vergleichsportale im offenen und wackeligen WiFi des Flughafens. Morgen wären wir mit 334€ pro Nase dabei, alternativ 3x umsteigen mit 18 Stunden Reisezeit und nicht minder teuer. Dann ginge erst am Freitag noch was mit den Iren bis Frankfurt. Auch nicht so toll. Wir checken mal kurz, welche Airlines den noch hier abheben. So entdecken wir, Arabia fliegt morgen früh um 7:25 Uhr für sehr annehmbare 79€. Zwar kämen wir nicht nach Berlin aber nach München. Zumindest wäre das Zielland schon mal richtig. Den Flug in diesem WiFi zu buchen, kommt nicht in Frage, weil es komplett offen ist und wir auch alle paar Minuten aus dem Netz fliegen. So suchen wir ein Hotel für die Nacht in der Nähe und lassen uns mit einem Taxi hinfahren.
In mehreren Anläufen buchen wir den Flug. Meine Bank verlangt von mir eine Konto-TAN (hab ich natürlich nicht dabei). Dann versuchen wir per Telefon an die Kreditkartendaten von Freunden zu kommen. Kein Problem. Die Buchung scheitert diesmal aber an irgendeinem Sicherheitsserver. Der dritte Versuch klappt dann, indem ein Freund uns die Flüge von zu Hause aus mit seiner Kreditkarte und den von uns durchgesagten Passdaten bucht und uns die Tickets per Email schickt. (Danke J.P.!)
Nun muss nur noch die fehlende Strecke von München überbrückt werden. Mein schienengebundenes Lieblingsunternehmen verlangt derart astronomische Preise, dass wir kurzerhand auf einen Mietwagen ausweichen. Nun muss ich den Chef noch per SMS vor vollendete Tatsachen stellen, da ich morgen früh eigentlich auf Arbeit erscheinen sollte.
Da wir mitten im Nirgendwo in Aït Melloul sind, wird die Suche nach einem Abendessen noch eine kleine Herausforderung. Nach einem ordentlichen Fußmarsch finden wir eine kleine Bar, in der es zwar nur fade Linsensuppe und Ei-Sandwich gibt, aber das mit jeder Menge Gastfreundschaft. Wir scheinen mit Constantin bei den anwesenden Kids die Attraktion des Abends zu sein.
Die Nacht im unplanmäßigen Hotel ist recht kurz. Der bestellte Taxifahrer steht pünktlich vor der Tür und auch am Flughafen klappt alles reibungslos. Hier hatte ich mit etwas Stress gerechnet, da die belastete Kreditkarte nichts mit den Passagieren zu tun hat und das eigentlich nicht zu den Bedingungen im Kleingedruckten passt. Aber es gibt keine Nachfragen. Die 60-Minuten-vor-Abflug-Regel scheint übrigens eine Eigenheit Marokkos oder zumindest des Flughafens Al-Massira zu sein. Diesmal sind wir allerdings wirklich zeitig genug da. Alles passt, einzig das Frühstücksangebot ist im Flughafen ziemlich bescheiden.
Das nach dem Sicherheitsvideo auf dem Monitor im Flieger erscheinende Gebet „Allahu Akbar” mit Bitte um Segen für die Reisenden, die Zurückbleibenden und die Menschen am Reiseziel ist etwas ungewohnt. Aber so kann ja nichts mehr schiefgehen. Der Flug ist nicht ausgebucht und am Ende macht alles sogar einen viel entspannteren Eindruck als mit der orange-weißen Originaloption.
Wir landen kurz nach 11 pünktlich in München und sitzen ein gute Stunde später abfahrbereit im Mietauto. Wir nutzen die Gelegenheit und treffen uns im Vogtland in einer Gaststätte an der Autobahn mit meinen Eltern und machen über eine Stunde Pause. So hat die ganze chaotische Aktion wenigstens auch ein paar schöne Nebeneffekte.
In Dresden angekommen lade ich nur alle samt Gepäck zu Hause ab und trete das Mietauto weiter nach Berlin. Hier gebe ich das Gefährt in Tegel am Nachtschalter wieder ab, fahre zwei Stationen mit dem Bus und sammle mein Auto auf, was hier ja noch rumsteht. Nach 850 außerplanmäßigen Kilometern an diesem Tag bin ich dann kurz nach Mitternacht zu Hause. 5½ Stunden später klingelt der Wecker...
